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Persönliche Erfahrungen

Jaja, das mußte doch so kommen! Die sind ohne Basteln nicht glücklich. So oder ähnlich werden viele unserer Freunde und Bekannten gedacht haben, als das Gerücht von unserem Selbstbau die Runde machte. Heute erscheint das auch nur logische Konsequenz unserer bootsbauerischen Vergangenheit. Aber so einfach war es dann doch nicht. Der Entschluß mußte lange reifen.

Schon beim Kauf unseres Folke Junior waren wir eigentlich auf der Suche nach einem Piraten mit etwas mehr Platz und zwei trockenen Kojen. Zembra (das Juniorboot) war ein sehr schönes Boot, aber die Kojen waren alles andere als trocken, das Mehr an Platz hielt sich sehr in Grenzen und das dauernde Kranen war zeitraubend und teuer. Aber erst, als nach unserem Umzug nach Erlangen auch noch keinerlei Aussicht auf einen (horrend teuren) Wasserliegeplatz bestand, fingen wir an, neu nachzudenken. Und siehe da, heimlich, still und leise kamen Yachtartikel aus den 80ern aus dem Hinterkopf hervor, die bei vielen noch herumspuken: der Diabolo. Selbstgebauter kleiner Flitzer mit zwei Kojen. War das die Lösung?

Dankenswerterweise gab uns die Klassenvereinigung die Adressen von zwei Eignern in Süddeutschland. Die erste Besichtiung bestätigte unsere Erwartungen und zerstreute die meisten unserer Bedenken. Aber komplett selbst bauen? Das Risiko erschien uns zuerst doch groß. Da wir vom Boot selbst inzwischen überzeugt waren, bestellten wir die Pläne und prüften genauer, was uns erwarten würde.

Im September sind Sperrholz und Epoxi bestellt. Der Bauplatz macht uns noch etwas Sorgen, aber dann erfahren wir von einem Bauern, der angeblich noch Platz hat. Der Bauer entpuppt sich als Elektriker, der den Hof geerbt hat und nun für sich selbst herrichtet. Den Pferdestall hat er schon zu einer sehr großen Werkstatt umgebaut, von der er uns 1/3 vermietet. Es ist nicht gerade billig, aber dafür legt er uns bis zu unserem zweiten Besuch Strom und Licht wo wir es brauchen, erneuert alle Scheiben und installiert sogar einen Holzofen. Was dieser Luxus bedeutet werden wir im kommenden Winter erst vollständig zu schätzen wissen.

Auf der Interboot bestellen wir Segel, Rigg und allerlei Beschläge. Das geht ziemlich ins Geld und langsam werden die Dimensionen des Projektes leicht beängstigend.

Am Monatsende steht dann der angekündigte LKW mit der Sperrholzlieferung vor der Garage. Ein 40-Tonner und unsere Platten sind, weil sie so schön flach sind, ganz oben auf die Einbauküchen gestapelt. In Ermangelung eines Gabelstaplers – der Fahrer versteht die Welt nicht mehr – laden wir Platte für Platte per Hand aus 3,5m Höhe aus. Spätestens angesichts dieses Stapels und mit einem ganzen Keller voller Epoxikartons gibt´s nun kein Zurück mehr. Wir verfrachten also alles etappenweise in unsere Halle, richten uns häuslich ein und los geht´s.

Das dritte Wochenende beschert uns bereits einen der größten Momente des gesamten Baus. Bis dahin haben wir die Rumpfplanken bearbeitet und sie liegen nun als labberiger, platter Stapel mit Drahtstücken zusammengenäht auf den Böcken. Dieser wird hochkant in unsere selbst entworfene Bauhelling gesetzt und aufgeklappt. Dabei verwandelt sich der zweidimensionale Bastelbogen in ein dreidimensionales Boot. Das Ganze dauert weniger als zwei Minuten. Wir sind beeindruckt. So schnell geht das - faszinierend!

Motiviert durch dieses Erlebnis gehen die Arbeiten an der Schale erstmal zügig voran. Nähte verbinden, Spiegel und erste Schotten rein, Balkweger und Schlinge einleimen.

Zwischendurch werden die Segel geliefert. UPS hat mit den beiden Rollen unseren Hausflur verbarrikadiert, aber die Nachbarn gewöhnen sich langsam daran, daß wir etwas seltsam sind. Pakete unter 300kg und mit eindeutig nicht lebendem Inhalt werden inzwischen kommentarlos angenommen und vor der Wohnungstür aufgestapelt.

Langsam werden die Tage kälter und die familiären Verpflichtung rund um Weihnachten mehren sich. Unseren kleinen Mount Everest, den Schwertkasten, schieben wir deshalb einige Zeit vor uns her. Schließlich hilft aber alles nichts mehr und nachdem wir uns einen Ruck gegeben haben, ist das Ergebnis doch ganz ordentlich. Etwas schief wirkt er im vorderen Teil, aber das Schwert dreht sich einwandfrei.

Leider hat die Bummelei viel Zeit gekostet und wir haben erstmals Zweifel, ob Stapellauf zu Pfingsten nicht etwas knapp wird. Irgendwie sind die Ausbauarbeiten im Innenraum auch sehr aufwendig. Jedes Bauteil muß einzeln angepaßt und alle Hohlräume mehrfach beschichtet werden. An manchen Tagen sehen wir kaum Fortschritt. Erschwerend kommt hinzu, daß wir uns mit zunehmendem Baufortschritt immer öfter Sonderlösungen ausdenken, die vom Bauplan abweichen. Ein Staufach im Vorschiff, ein Vorluk, größere Schränke, Teakfußboden im Cockpit, eine feste Ruderanlage. Alles das braucht Zeit und will zusätzlich durchdacht werden und die Liste wird lang und länger. Als das Deck endlich aufliegt, atmen wir erstmal wieder auf.

Mit der Hilfe dreier Kollegen starten wir zum Roll-over, um die Außenhaut fertigstellen zu können. Das Boot ist immer noch erstaunlich leicht. Offensichtlich hat sich unsere Knauserei bzgl. des Gewichtes gelohnt. So läuft das Umdrehen, abgesehen vom Verlust einer untergelegten Luftmatratze, erstaunlich leicht ab.

Schon zwei Wochen später ist außen alles glatt und weiß und kann vorsichtig wieder zurück gedreht werden. Jetzt fehlen "nur noch" Aufbau, Lackierung und Beschläge. Die ersten beiden Punkte laufen einigermaßen planmäßig, aber dann zeichnen sich erste Katastrophen ab. Das Rigg, daß am Himmelfahrtswochenende probemontiert werden soll, ist nicht fertig und die Firma, die die Fenster fertigen wollte hat zu.

Das Material für die Fenster aus dem Baumarkt ist zu dünn und zu spröde, aber für´s Erste wird es halten. Das Rigg scheint aber ein unlösbares Problem. Dabei war es seit September bestellt – Ärger!

Auch die Montage der Beschläge zieht sich in die Länge. Die Verstärkungen sitzen zwar an den richtigen Stellen – insofern waren unsere Planungen also richtig. Trotzdem sind hier die Schrauben zu kurz, dort fehlt eine passende Fenderöse oder Rolle oder beides und bei Niemeier haben wir schon zum achtenmal "endlich die letzte Bestellung" aufgegeben. Nun ja, der Tag hat 24 Stunden. Immerhin steht das Boot schon auf dem Trailer und Pfingsten ist noch nicht vorbei.

Bleibt das Rigg. Der tägliche Drängelanruf wird schon zur Routine, aber schließlich einigen wir uns darauf, auf dem Weg zum Bodensee den fertigen Mast abzuholen. Wehe, das klappt nicht, dann steht´s in der Zeitung ... Aber es klappt - naja, fast. Als wir leicht verspätet in Heilbronn ankommen, wird am Mast gerade letzte Hand angelegt. Als Folge leichter Übermotivation ist sogar ein Baum fix und fertig, den wir bereits selbst gemacht haben. Dafür fehlt der bestellte Spibaum, wird aber stehenden Fußes noch zusammengebaut. Das nennt man wohl "just-in-time Fertigung".

Die Kleinigkeiten, die jetzt noch fehlen, erledigen wir auf dem Campingplatz. Die Bootstaufe kann steigen.

Fazit: Der Entschluß, ein Boot vollkommen selbst zu bauen, ist uns zuerst nicht leichtgefallen. Ein solches Projekt erschien uns zu umfangreich und zu riskant. Heute wissen wir, daß zwar jede Baustufe neue Herausforderungen mit sich bringt, daß aber alles in überschaubaren Schritten abläuft, von denen jeder auch von weniger Erfahrenen zu meistern ist. Die Baumethode hatte hieran wesentlichen Anteil.

Unser Mut, eigene Ideen einzubringen, hat sich voll ausgezahlt. Wir haben heute genau das Boot, das wir uns gewünscht haben. Wir würden nicht zögern, es noch einmal anzugehen.

Frank & Katharina Esser

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