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Zwei völlig gegensätzliche Tage bot dieses Wochenende: Der Samstag, an dem ich und meine Passagiere fast im Wasser von oben und unten ersäuft wurden, und der wunderbare, trockene Sonntag mit einer tollen Backstags-Brise... Roland Lussi, seines Zeichens SCR-Mitglied und Boots-Schadensexperte von Beruf, lädt uns nach Güttingen ein, wo er neuerdings Wohnsitz genommen hat. Das ist für Frauchen und Herrchen die Gelegenheit, Roland meine geflickten Wunden zu zeigen. Mein schönes neues Kleid findet jedenfalls seine ungeteilte Anerkennung... Aber nun mal schön der Reihe nach! Das Wochenende vorher war sehr schön, und wenig deutete darauf hin, daß auch unser Segelwochenende anders sein würde. Doch leider zeigte sich im Verlauf der Woche ein immer düstereres Bild. Die Wetterprognosen zeigten ausgerechnet auf Samstag hin einen Kaltlufteinbruch auf und ließen uns nichts Gutes erahnen. Doch es ist noch strahlend schön, als mich mein Besitzer am Freitagabend ins Wasser setzt. Meine kleinen "Durchlässe" sind in der Zwischenzeit auch gedichtet worden. Nur noch kleine Rinnsale zeigen sich in meiner Bilge, sodaß wenigstens dem Wasser von unten Einhalt geboten wird. Auch am Samstag, als der Skipper meinen Bauch mit Gepäckstücken fällt, sieht es noch einigermaßen aus. Trotz starker Bewölkung ist es noch warm, und ein leichtes Lüftchen läßt uns auf Vorwärtskommen hoffen. Kaum sind wir draußen, nehmen Wind und Wellengang schnell zu. Ich muß mich tüchtig in die Wellen werfen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Meine Passagiere sind dick eingehüllt gegen Kälte und Spritzwasser, Trotzdem wird ihnen die Gegenanbolzerei langsam ungemütlich, und so lenken sie meinen Rumpf in den Horner Hafen, wo sie sich mit einem Tee aufwärmen und auf bessere Zeiten warten. Da könnten sie lange warten. Das Wetter bessert sich nur ganz langsam, die Winde wollen überhaupt nicht abnehmen. Das bewegt meinen Skipper, mich weiter gegen Wind und Wellen zu treiben. Da auf der Höhe von Arbon etwas Beruhigung eintritt, läßt er den Hafen gleich links liegen und beschließt, direkt weiter nach Romanshorn zu keulen. Das hätte er besser nicht getan! Denn in der Ferne zeigt sich der berühmte Fetzenkragen unter dunklem Gewölk, was meistens auf einen Kaltfront-Durchgang hinweist. Zwischen Arbon und Romanshorn hat es leider keinen Hafen mehr. Das ist für schutzsuchende Boote ein Nachteil, wie sich auch bei uns herausstellen sollte. Erst werden wir von hohen Wellen, die seeaufwärts kommen, noch und noch eingedeckt. Dann dreht der Wind, und plötzlich ist vom nahen Romanshorn nichts mehr zu sehen. Meine Güte, denke ich, schon ganz durchnäßt wie meine Leute, da kommt was! Und wirklich, ein Sturzbach ergießt sich plötzlich über uns und füllt meinen Bauch knöcheltief mit Wasser. Die Böen erreichen zeitweise echte Sturmstärke und drücken meinen Leib in Schräglage, dabei habe ich nicht einmal die Segel gespannt. Da, der Eingang des Hafens! Tropfnaß lenkt mein Skipper mich in den Hafen und sucht sich eine geeignete Box. Leider finden wir nur Platz am Kopfsteg. Hals über Kopf rennen meine Insassen ins Beizli und lassen mich allein im Regen stehen. Derweil sie schon den zweiten Tee zur Wiederbelebung einnehmen. Dreiviertel Stunden später hat sich das Wetter doch soweit beruhigt, daß wir wieder auslaufen können. Jetzt ist es sogar so ruhig geworden, daß sich mein Skipper getraut, die gerefften Segel aufzuziehen. Und der Wind hat soweit rückgedreht, daß ein Anlieger seeaufwärts möglich wird. Später frischt es wieder etwas auf, und wir sind froh um das Reff im Segel. Aber schlußendlich kommt für die letzten Kilometer noch die Sonne durch und trocknet mich und die Skippers, sodaß wir mit angenehmen Gefühlen in den Zielhafen Güttingen einlaufen können. Dort erwarten uns Roland und die Kollegen von Skippers Segelklub. Nach der Begrüßung und dem Willkommens-Apero machen sich Herrchen und Frauchen für das Nachtessen fein. Der Schinken im Brotteig und die Salate, auch der Dessert schmecken ausgezeichnet, und nach Abschluß des Abends und dem obligaten Zähneputzen meiner Insassen wird es schnell ruhig in meinem kleinen Kajütchen. Sonntagmorgen! Lange geschlafen, den Brötlibeck verpaßt, und doch sind meine Leute frisch und fröhlich! Warum? Weil sie ihren diabolischen Kaffe brauen, über den ihnen nichts, aber auch gar nichts geht! Wenn sie dann so dasitzen, die feinen Konfi-Brötchen kauen und Schluck für Schluck von dem köstlichen Kaffee in sich hineingießen, dann scheinen sie am glücklichsten zu sein. Verstehe, wer das will. Erst spät, die Meisten sind schon ausgelaufen, raffen sich auch meine Leute auf zum großen Abgang. Die Kuchenbude wird abgebaut und verstaut, die Essensresten abgeputzt (wie immer). Skipper wirft den Jokel an und gibt Kommando zum Leinenlösen. Und schon gleite ich majestätisch aus dem Hafen. Und nun folgen zwei herrliche Stunden Segeln bei Backstagsbrise. Schnurgerade und unbeirrt werde ich von einem frischen Wind vorwärtsgetrieben. Und wenn ich vorhin beim Essen von den glücklichsten Stunden meiner Leute gesprochen habe, gilt das jetzt ebenso für mich. Manchmal flippt der Skipper fast aus, ich habe Angst, daß er vor lauter Begeisterung noch über Bord fällt. Doch auch das hat mal sein Ende. Ist die Rietlibucht einmal erreicht, gehen Frauchen und Herrchen daran, meine Garderobe zusammen zu legen, und ich muß wieder mit dem Geschiebe meines Jokels vorliebnehmen. Der Rest ist schnell erzählt. Gepäck ausladen, zudecken, und schon eilen Skipper und sin Fru zur Abschiedsgala ins Klubhaus, während ich friedlich im Hafenbecken von den vergangenen Abenteuern träume. Filine & Hans-Peter Büsser |